Florenz

Das Grossherzogtum der Medici


Mit der Ermordung des Herzogs Alessandro durch die Hand des Cousins Lorenzino de’ Medici (1537) ergriff Cosimo I., Nachkomme von Lorenzo, dem Bruder Cosimos des Alten, die Macht.
Der neue Herzog entwickelte durch Entsumpfungen und die Pflanzung von Olivenbäumen und Weinstöcken beträchtlich die Landwirtschaft und legte damit die Grundlagen der heutigen Weingegend des Chianti.
In Boboli (der Garten von Palazzo Pitti, in dem er wohnte, seit seine Frau Eleonora di Toledo ihn im Jahre 1549 gekauft hatte) pflanzte er neben Kartoffeln und Tomaten, die in der florentinischen Küche bereits verwendet wurden (insbesondere frittiert), während sie in Norditalien noch als Zierpflanzen angesehen wurden, auch seltene Pflanzen wie den Maulbeerbaum, Zwergbirnbäume und Pflanzen mit exotischen Früchten an.
Der maßlose Luxus von Alessandros Banketten war nur noch eine vage Erinnerung; man aß jedoch sehr gut in Florenz. In seinem Tagebuch spricht der Pontormo genannte Jacopo Carucci von Erbsensuppe, Hammelsuppe, Zickleinkopf, Kaviar, Pandiramerino, Bollito mit Butter, Spargel und Eiern und Käse und Schoten, Eiern und Artischocken, gebratenem Fleisch, Spiegeleiern, gekochtem Kürbis usw., usw.; unter dem Obst erwähnt er Susinen, Nüsse, Feigen und Zibibbotrauben mit Brot und Mandeln. Im Jahre 1569 gelang es Cosimo I., sich von Papst Pius V. als Großherzog krönen zu lassen und wurde damit der mächtigste Herrscher Italiens.
Nach seinem Tode (1574) ging die Macht auf seinen Sohn Franz I. (der unter mysteriösen Umständen in der Villa in Poggio a Caiano umkam) und später auf Ferdinand I. (1587) über.
In diesen Jahren beginnt man, über den Wein und seine Eigenschaften zu diskutieren. Aus diesem Jahrhundert stammt auch ein Brief, der von einem gewissen Sante Lancerio an Kardinal Guido Ascanio Sforza geschrieben wurde. In diesem drückt man sich zum ersten Male in sachbezogener bewertender Form über die einzelnen Weine aus, über ihren äußeren Anblick, das Bukett, den Geschmack, den Nachgeschmack, und auch über den Alkoholgehalt, die Haltbarkeit, das Verhalten beim Transport, und darüber, wie sie sich zu den verschiedenen Speisen, den verschiedenen Tageszeiten, den verschiedenen Jahreszeiten, den verschiedenen physiologischen Umständen eignen.
Aus der Toskana wurden untersucht:
Der Trebbiano;

Trebbiano
Der Trebbiano kommt aus dem florentinischen Staat Valdarno di Sopra und aus vielen anderen Orten nach Rom, aber die besten sind die aus San Giovanni und Figghine(1). Den größten Teil bringt man in Korbflaschen mit den Körben und es kommen auch einige Caratelli(2) davon. Diese Sorte Wein ist ein mildes Getränk, aber nicht für alle Momente der Mahlzeit, da er ein dünner(3) Wein ist. Wenn man seinen vollkommenen Wohlgeschmack kennenlernen will, sollte er nicht zu kräftig in der Farbe sein, sondern goldgelb, nicht zu stechend im Geruch, sondern lieblich, nicht süß, nicht herb, sondern mit Quittenaroma. Weine dieser Sorte und dieses Wohlgeschmacks, wie oben genannt, waren Seiner Heiligkeit sehr genehm, aber nicht zu allen Momenten der Mahlzeit. Weine dieser Sorte und dieses Wohlgeschmacks ließ Herr Bindo Altoviti(4) nach Rom kommen und er schenkte sie Seiner Heiligkeit, die sie gerne im Herbst trank, zwischen der neuen und der alten Jahreszeit.

1. Figghine: Figline. 2. Caratelli: eine Art von Fässchen, die länger sind als sie breit sind. 3. dünn: mit wenig Körper. 4. Bindo Altoviti: der Bruder von Antonio, dem Erzbischof von Florenz.

Der Greco aus San Gemignano;

Greco di San Gemignano
Er ist ein perfektes Getränk für Herrschaften und es ist sehr bedauernswert, dass dieser Ort nicht genug davon macht. Ebenso wie er gut ist und gut gelegen und reich an äußerst tugendhaften Männern, Doktoren, Notaren und Lehrern für Grammatik, ebenso reich sollte der Ort an Weinstöcken sein, um von dieser Weinsorte mehr zu machen, als er macht. San Gemignano ist ein sehr großes Land im florentinischen Staat. Von diesem Wein ließen die Hochwürden Santiquattro aus dem Hause Pucci(1) jedes Jahr im Herbst eine große Menge in großen Korbflaschen nach Rom bringen und sie schenkten sie Seiner Heiligkeit. Der Wein hat Vollkommenheit in sich, in ihm ist Farbe, Duft, Geschmack; aber wenn man den Guten kennenlernen will, sollte er nicht herb sein, sondern im Gegenteil wie der Trebbiano ein Quittenaroma haben, und er sollte reif sein, weich und duftend. An diesem Ort gibt es auch köstliche Vernacciuole(2), und Seine Heiligkeit kostete viel von diesem Getränk und ehrte diesen Ort.

Der Wein von Porto Ercole;

Der Wein von Portercole
Er kommt aus einem Hafen und dem Land auf dem Monte Argentaro(3), und selten sind diese Weine gut, aber wenn sie gut sind, gibt es kein ebenbürtiges Getränk, höchstens die des Weinbergs, den Agostino Chigi(4) aus Siena anpflanzen ließ. Der Geschmack dieses Weins sollte lieblich sein und nicht rauchig, und er sollte seinen Teil an Muskateller haben, da es in diesen Weinstöcken reichlich Muskateller gibt. Der Wein sollte eine goldgelbe Farbe haben und weder üppig noch herb sein, da er aufgrund seiner Milde bald stark wird. Diese Sorte Wein war Seiner Heiligkeit und vielen Prälaten sehr genehm. Und wenn er vollkommen war, ehrte ihn Seine Heiligkeit, am meisten im Winter. Und als Seine Heiligkeit die Welt verließ, trank er davon, und oftmals hatte er gesagt, dass er in seinem Pontifikat keinen besseren oder gleichen Wein gehabt habe. Aber ich befürchte, dass für lange Zeit davon nicht nach Rom kommen wird, im Hinblick auf die Soldaten, die fast alle Weinstöcke abgeschnitten haben(5). Eine große Schande!




1. Casa Pucci: eine bekannte florentinische Familie. 2. Vernacciuole: Vernaccia durchschnittlicher Qualität. 3. Monte Argentaro: Monte Argentario 4. Agostino Chigi: ein großzügiger Kunstmäzen, genant Il Magnifico, der Prächtige (1465-1520). 5. die französischen und türkischen Soldaten, die für die Republik von Siena gegen Cosimo I., den Herzog von Florenz, Krieg führten.


Der Wein von Montepulciano;

Der Wein von Montepulciano
Er ist volkommen, im Winter wie im Sommer, und besser ist der Rote im Sommer, dessen bin ich sicher. Diese Weine haben Bukett, Farbe und Geschmack, und gerne trank Seine Heiligkeit davon, nicht so sehr in Rom, wohin sie ihm in Korbflaschen gebracht wurden, sondern noch in Perugia. Marcello Cervino, der spätere Papst Marcello II., der gerade mal zwanzig Tage regierte, und Tarugio Tarugi, Römischer Senator, wetteiferten untereinander, wer von ihnen den besseren schenkte. Wenn man den Wohlgeschmack dieses Weins kennenlernen will, sollte er duftend sein, fleischig, nicht herb und nicht kräftig in der Farbe. Wenn man ihn im Sommer trinken möchte, bei großer Hitze, sollte er roh sein und von einem alten Weinberg sein. Von dieser Sorte trank Seine Heiligkeit gerne, und er machte dem Wein Ehre und dem Schenker ein Präsent, sowohl in Rom als auch in Perugia, daher ist er ein Wein für Herrschaften.. Montepulciano liegt im florentinischen Staat.

Der Wein des Casentino;

Der Wein aus dem Casentino im florentinischen Staat
Er ist zum größten Teil rot, und es sind perfekte Weine. Von diesem Wein brachten die Ordensbrüder der Klause von Camaldoli jedes Jahr große Fässer und sie schenkten ihn Seiner Heiligkeit, die ihn gerne trank. Der Wein ist sehr gut, aber ziemlich kräftig in der Farbe, und er ist roh. Von diesem Wein trank Seine Heiligkeit nie bei den Mahlzeiten, aber am Abend, wenn er ins Bett ging, gerne, damit er ihm die Trägheit riskierte und den Katarrh verringerte, am meisten im Monat Oktober zwischen den alten und den neuen Weinen.

Der Wein von Cortona.

Der Wein von Cortona
Er ist ein vollkommener Wein, der weiße ebenso wie der rote, aber besser ist der weiße, der ein Trebbiano zu sein scheint, aber nicht in derselben Feinheit. Sie sind noch sehr mild und großzügig, und sie halten einige Tage, wenn man sie in den Korbflaschen von Ort zu Ort überführt, und er ist ein mildes Getränk. Diese Weine trank Seine Heiligkeit gewöhnlich, wenn er sich in Perugia aufhielt, und am meisten von den weißen, die Kardinal d’Ariminis ihm schenkte und die ihm sehr gut schmeckten, und jedes Jahr legte er einen Vorrat an und trank reichlich davon. Und er trank auch jenen, den ihm Signor Antonio Marchese del Monte, als sein ihm ergebener Diener, in zahlreichen Korbflaschen schenkte. Um seine Vollkommenheit kennenzulernen, sollte er nicht rauchig sein, und er sollte magenstärkend sein und nicht süß und er sollte Quittenaroma haben und nicht erdigen Geschmack; so wird er sehr befriedigen, aber zuerst sollte man die Farbe untersuchen, und so wird man ein ausgezeichnetes Getränk haben.


Und mit den Söhnen Cosimos I. kehrten Luxus und Raffiniertheiten zurück.
Eines der berühmt gewordenen Feste und Bankette richtete Ferdinand I. anlässlich der Hochzeit seiner Nichte Maria de’ Medici (Tochter von Großherzog Franz I. und Johanna von Österreich) mit dem König von Frankreich, Heinrich IV., aus. Es heißt, dass es das reichste Bankett in der Geschichte von Florenz gewesen ist. Die Hochzeit fand per Prokura statt und das Hochzeitsbankett hielt man am 5. Oktober 1600 unter Mitarbeit von Bernardino Buontalenti im Salone dei Cinquecento (Saal der Fünfhundert) des Palazzo Vecchio ab.
Für dreihundert Tischgäste wurden über sechzig Gänge vorbereitet. Begonnen wurde mit vierundzwanzig kalten Gerichten mit gemischten Salaten, Ochsenzunge, Kalbspastete, Wildschweinpastete, Tauben, Hühner, usw.. Unter den achtundzwanzig warmen Gerichten erinnern wir an die Fasane, die Kapaune, die Wachteln und später die Drosseln, die Lerchen, gebratenes Spanferkel, die Rebhühner; zum Abschluss gab es Süßspeisen, Käse, Gemüse, Eis und Pfirsiche in Wein.
Der Ruhm dieses Banketts reichte bis nach Frankreich, in das Maria de’ Medici bei ihrem Umzug eine Schar Köche mit ihrem Alchimisten Ruggieri mitnahm: so gelangten weitere neue Speisen in die französische Küche. Wir erinnern an die Sorbets, die aus Milch und Honig, die gefroren werden, gemacht werden; aber auch an den Mürbeteig, an die Cremefüllungen für Gebäck, den Teig für Bignés und viele andere Rezepte, die in Frankreich mehr Erfolg hatten als in unserem Land.
In Florenz blühten in diesen Jahren die Lokale, in denen sich die Leute tagsüber verabredeten oder sich zufällig trafen; es handelte sich um sehr angenehme Orte, in denen man dank des florentinischen Händlers Francesco Carletti, der von einer seiner langen Reisen nach Südamerika die Schokolade mitgebracht hatte, bereits seit den ersten Jahren des 17. Jh. die “Cioccolatte” kosten konnte. Das ganze 17. Jh. hindurch erlebte Florenz – dank blühender Handelsaktivitäten – eine Zeit großer Gärung in der kulinarischen Kunst, auch deswegen, weil nun Rezepte von Speisen anderer Länder zirkulierten, vor allem französische, englische und spanische. Die ausländischen Köche waren von den im Vordergrund stehenden Familien sehr gefragt und es kam – durch die provinzielle Manie für das Neue – sogar so weit, dass man florentinische Zubereitungen mit französischen Ausdrücken benannte; auch auf die Gefahr hin, dass man große Irrtümer beging, wie den des “vitel toné” (wie man es noch heute auf vielen Speisekarten liest) in der Absicht, unser Vitello Tonnato mit einem vage französisierenden und falschen Ausdruck zu adeln: in Wirklichkeit ist die exakte französische Bezeichnung veau au thon.
Die Opulenz dieser Jahre wird auch in vielen Gemälden dargestellt; berühmt sind die Stilleben von Caravaggio (man zitiere nur den Obstkorb), der Malerfamilie Carracci, von Salvator Rosa und der Ordensschwester Giovanna Garzoni. Letztere arbeitete, auch wenn in Ascoli Piceno geboren, vor allem in Florenz, wo sich – in der Galerie von Palazzo Pitti – einige ihrer schönsten Gemälde befinden, die Obst und Speisen darstellen.
Wir müssen unter den Malern des großherzoglichen Florenz aber auch Bartolomeo Bimbi erwähnen; von ihm ist, wiederum im Palazzo Pitti, unter anderem ein wunderschönes Stilleben mit einer Kirschpracht erhalten.
Das Großherzogtum der Medici erschöpfte sich nach und nach, unter anderem aufgrund des Niedergangs der Familie. Nach dem Tod von Ferdinand I. folgte diesem der von Magengeschwüren, Tuberkulose und der Erbkrankheit Gicht befallene Sohn Cosimo II.; er schloss das berühmte Bankhaus Banco dei Medici, da er es als wenig würdevoll ansah, dass ein Herrscher mit Geld handelte.
Er spendete einen Gutteil seines beachtlichen Vermögens in Hinterlassenschaften und Almosen und starb sehr früh im Jahre 1621; Großherzog wurde der zehnjährige Sohn Ferdinand II. unter der Regentschaft der Großmutter Maria Cristina di Lorena.
Auf ihn folgte (1670) Cosimo III., krank, besessen von der Religion, homosexuell und demonstrativ von der Ehefrau betrogen.
Letzter Großherzog der Medici war dessen Sohn Gian Gastone (1723), der – auch er krank und homosexuell - keine Kinder gehabt hatte und mit seinem Tode (1738) die Dynastie der Medici, die die Stadt Florenz über drei Jahrhunderte regiert hatte, abschloss.